mddm: brain-research, cherrycoke & memory

lorentzen-nicklaus lorentzen-nicklaus at t-online.de
Tue Aug 27 05:24:17 CDT 2002



 ° for all you hobby-brain-researchers out there it might be interesting to hear 
 that wolf singer just published a new essay-collection: it's called "der   
 beobachter im gehirn" (the observer in the brain); the following outtake is   
 from a keynote ("wahrnehmen, erinnern, vergessen. über nutzen und vorteil der  
 hirnforschung für die geschichtswissenschaft") to a conference of historians: 

 "wie nahe erinnerung erneuter wahrnehmung kommt, zeigen jüngste 
 neurobiologische entdeckungen auf beunruhigende weise. ich hatte oben erwähnt, 
 dass abspeichern langsam erfolgt und engramme der konsolidierung bedürfen. dies 
 hat zur folge, dass gedächtnisspuren vollkommen ausgelöscht werden können, wenn 
 innerhalb von stunden, ja sogar tagen nach dem lernprozess der 
 konsolidierungsprozess gestört wird. im experiment wird dies meist durch die 
 unterbrechung der eiweißsynthese in nervenzellen erreicht. und nun die völlig 
 unerwartete entdeckung: tiere erlernten in einem verhaltenstest, dass bestimmte 
 erkenntnisleistungen belohnt werden, und wiederholte testung bestätigte, dass 
 sich die tiere monatelang mit nur geringen vergessensraten an den gelernten 
 zusammenhang erinnerten. dann wurde nach einem dieser tests die eiweißsynthese 
 vorübergehend blockiert, und das überraschende ergebnis war, dass die tiere im 
 anschluss daran jede erinnerung an das einmal gelernte verloren hatten. diese 
 auslöschung der erinnerung trat jedoch nicht ein, wenn die eiweißsynthese ohne 
 vorherige testung und zum gleichen zeitpunkt nach dem ursprünglichen 
 lernprozess unterbrochen wurde. 

  dies bedeutet, dass durch das erinnern, zu welchem die tiere während der   
 testung angehalten wurden, die bereits befestigten gedächtnisspuren wieder   
 labil wurden und dann wieder der gleichen konsolidierung bedurften wie die   
 ursprünglichen engramme nach dem ersten lernprozess. unter normalen   
 bedingungen fällt dieser erneute konsolidierungsprozess nicht auf, weil er   
 ungestört und verlässlich abläuft. es bedeutet dies jedoch, dass engramme nach 
 wiederholtem erinnern gar nicht mehr identisch sind mit denen, die vom ersten 
 lernprozess hinterlassen wurden. es sind die neuen spuren, die bei der testung, 
 also beim erinnern, erneut geschrieben wurden.

  das hat weitreichende konsequenzen für die beurteilung der authentizität von 
 erinnerungen. wenn erinnern immer auch einhergeht mit neu-einschreiben, dann 
 muss die möglichkeit in betracht gezogen werden, dass bei diesem erneuten 
 konsolidierungsprozess auch der kontext, in dem das erinnern stattfand, 
 mitgeschrieben und der ursprünglichen erinnerung beigefügt wird. es ist dann 
 nicht auszuschließen, dass die alte erinnerung dabei in neue zusammenhänge 
 eingebettet und damit aktiv verändert wird. sollte dies zutreffen, dann wäre 
 erinnern auch immer mit einer aktualisierung der perspektive verbunden, aus der 
 die erinnerten inhalte wahrgenommen werden. die ursprüngliche perspektive würde 
 überformt und verändert durch all die weiteren erfahrungen, die der beobachter 
 seit der ersterfahrung des erinnerten gemacht hat. was schon für die 
 mechanismen der wahrnehmung zutraf, scheint also in noch weit stärkerem maß für 
 die mechanismen des erinnerns zu gelten. sie sind offensichtlich nicht 
 daraufhin ausgelegt worden, ein möglichst getreues abbild dessen zu liefern, 
 was ist, und dieses möglichst authentisch erinnerbar zu halten."

  --- wolf singer: der beobachter im gehirn. essays zur hirnforschung. ffm 2002: 
                                                 suhrkamp, pp. 83f. ---


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