Gepantschter Pynchon
Otto
ottosell at yahoo.de
Wed Nov 13 15:59:23 CST 2002
DIE ZEIT, Literatur 28/2002
Gepantschter Pynchon
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Steffen Kopetzky investiert all seine erzählerische Energie ins
Textmanagement und produziert aus dröger Verlautbarungsprosa einen hohlen
Roman
von Gabriele Killert
Beim Wiederlesen seiner frühen Storys nach zwanzig Jahren erlitt Thomas
Pynchon als mittlerweile schläfengrauer Herr und hero der literarischen
Postmoderne einen kleinen Schock. "O mein Gott", durchfuhr es ihn. Die
Geschichten seien schrecklich ermüdend, "jugendlich-unreif und sogar
kriminell". Die Hauptfiguren synthetisch und einfach nicht lebendig und
interessant genug, um zu tragen. Die Sprache preziös, effekthascherisch. Und
die Konstruktion auf einen Begriff zu gründen wie Entropie, wovon er im
Übrigen so gut wie nichts verstanden habe, und nachträglich mit Leben zu
füllen, sei "schlicht ass backwards, arschverkehrt".
Warnende Worte des Meisters, in pädagogischer Absicht an die Adresse junger
literarischer Zauberlehrlinge gerichtet. Ihr Effekt dürfte allerdings
marginal gewesen sein im Vergleich zur geradezu mesmerisierenden Wirkung,
die seine großen Romane ausgeübt haben. Auf Steffen Kopetzky (Jahrgang 1971)
zum Beispiel. Er hat zwei beachtliche Romane geschrieben über den
hypochondrischen Geisteszustand unserer Kultur. Dann kam die
Pynchon-Offenbarung über ihn. O my god, durchfuhr es ihn in Wellen von Lust
und Schmerz. Einmal ein solches Buch landen, einmal den Stier so bei den
Hörnern, das faule Europa so an "den Enden der Parabel" packen in seiner
prallen paranoischen Wirklichkeit - und man wär mit einem Schlag raus aus
dem Limbus der lauen, vom Spiegel gecoverten Gegenwartstalente.
Buchstäblich um Längen voraus ist Kopetzky jetzt den Kollegen. 735
großflächig bedruckte Seiten zählt sein neuer Roman Grand Tour, nur wenige
Seiten also unter der Pynchon-Marke in Mason & Dixon. Auch das Personal ist
erheblich angewachsen. Gut zwei Dutzend Figuren werden auf dem Spielfeld
bewegt, die eins gemeinsam haben: Sie treiben alle ein mehr oder weniger
falsches Spiel. Und das schmiedet sie zu einer großen Familie zusammen im
Haus Europa, in dem Palast der Lügen und Intrigen, der kleinen und großen
Machenschaften, die hier die Geschichte antreiben und ihre Verwicklungen
ausmachen, ganz wie im richtigen Leben, ganz wie in der großen Geschichte.
(...)
Kopetzky hat in seinem dritten Roman die Anfängerfehler der Pynchon-Liste
(siehe vorn) wirklich Punkt für Punkt akribisch nachgeholt. "Das Scheitern
ist glaubhafter als das Gelingen", heißt es in Einbruch und Wahn. Im Leben
mag da was dran sein. In der Literatur aber ist Gelingen doch wesentlich
gescheiter als, sorry - gepantschter Pynchon, Jahrgang 1971. Zum Verzehr
nicht zu empfehlen. In zwanzig Jahren, ach, viel früher, wird Kopetzky, die
Wette gehen wir ein, herzlich darüber lachen.
Steffen Kopetzky: Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication
Eichborn, Frankfurt a. M. 2002; 735 S., 29,90 ?
http://www.zeit.de/2002/28/Kultur/print_200228_l-kopetzky.html
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