ATD Höhere Mathematik und Kartoffelsalat
Otto
ottosell at googlemail.com
Sat Dec 2 08:30:24 CST 2006
Höhere Mathematik und Kartoffelsalat
Thomas Pynchon schreibt einen Allerweltsroman - im wahrsten Sinn des Wortes
Kurz vor dem Schluss von Thomas Pynchons neuem Roman wird eine
Maschine in Gang gesetzt, die durch einen raffinierten
elektrochemischen Prozess aus einer Fotografie nicht nur eine
filmische Projektion von Vergangenheit und Zukunft der darauf
abgebildeten Person ableiten kann, sondern obendrein auch alternative
Lebensentwürfe; wobei wir nach über 1000 Seiten Lektüre wissen, dass
diese zumindest im Kontext des Buches durchaus ebenfalls ihren
Realitätsanspruch haben. Das soeben unter dem Titel «Against The Day»
erschienene Werk des amerikanischen Kultautors im beschränkten Rahmen
einer Rezension vorzustellen, ist zwar nicht ganz so unmöglich wie der
eben geschilderte Prozess; doch hat man seine liebe Not, sozusagen in
Umkehr desselben die historischen Dimensionen, wissenschaftlichen
Substrate und auseinanderstrebenden Lebenswege der Erzählhandlung so
weit zu bündeln, dass sie sich zu einem einigermassen kohärenten Bild
arrangieren lassen.
Spiegel- und Parallelwelten
Dass dieses vielschichtig und uneindeutig bleiben muss, suggeriert
schon die gedoppelte Schrift auf dem Umschlag des Bandes. «Iceland
Spar», der Titel der zweiten Sektion im Roman, hilft dann bei der
Dechiffrierung dieses Schriftbilds: So würden Autorenname und
Buchtitel erscheinen, wenn man sie durch den bei uns als Doppel- oder
Islandspat bekannten transparenten Calcitstein betrachtet.
Doppelungen, Spiegelungen, Parallelwelten und -existenzen sind denn
auch ein Leitmotiv in «Against The Day»: Da macht etwa in einer
spektakulären Szene ein Luxusdampfer auf hoher See eine Art
Zellteilung durch, so dass ein voll gerüsteter Zerstörer im Kielwasser
des Passagierschiffs zurückbleibt; ein Reisser, der in einem
drittklassigen New Yorker Theater gespielt wird, schlägt plötzlich in
Wirklichkeit um; und dass der britische Wissenschafter Renfrew und
sein deutscher Konkurrent Werfner sich am Ende als ein und dieselbe
Person erweisen, wird ein aufmerksamer Leser schon längst ihren
spiegelbildlichen Namen entnommen haben. Allerdings haben wir es hier
nicht etwa mit ordinärem Doppelspiel oder Doppelgängertum zu tun,
sondern vielmehr mit einem Fall von «Bilokation»: mit einer Person
also, die in zwei zeitlich oder räumlich verschobenen Welten je
unabhängige Leben führt.
Der eingangs vorgestellte Apparat, aber auch das technisch noch nicht
ganz ausgereifte Trickkabinett eines Zauberkünstlers können im Roman
solche multiplen Existenzformen generieren; und in dem Mass, wie dabei
Identität und Zeit aufgelöst werden, wird auch der dreidimensionale
Raum in Frage gestellt. Wer unter den Lesern sich nicht gerade der
höheren Mathematik geweiht hat, wird sich freilich mit den Theorien -
Vektor- und Quaternionenlehre - etwas überfordert fühlen, die Pynchon
diesem Themenkomplex unterlegt; als Wegweiser durch den Roman wird man
aus solchen Passagen immerhin etwa die Aussage mitnehmen, dass die
Quaternionen die räumlichen Achsen als imaginär definieren und
stattdessen den Primat des Zeitfaktors behaupten; oder dass sie eine
rechnerische Ablenkung der Zeitachse um 90 Grad erlauben.
Solche wissenschaftlichen Exkurse sind für Pynchon genauso typisch wie
seine Art, derlei dürre Denkmodelle üppig in Erzählstoff zu kleiden.
So rutschen an der rechtwinklig aus dem Kontinuum gebogenen Zeitachse
seltsame Eindringlinge in die Erzählgegenwart, die man erst nach und
nach als Wiedergänger aus einer sinistren kommenden Zeit
identifizieren lernt; und so können beim alljährlichen Kongress über
Zeitreisen an der Candlebrow University auch jene Wissenschafter
anwesend sein (und vergnügt allen gesundheitsschädigenden Lastern
frönen), die das Zeitliche bereits gesegnet haben.
Der geschichtliche Horizont, vor dem die Romanfiguren auftreten,
spannt sich von der Chicagoer Weltausstellung im Jahr 1893 bis in die
Zeit nach dem Ersten Weltkrieg; das Terrain, das sie durchqueren, von
Chiapas bis Irkutsk. Am Himmel taucht regelmässig die stattliche
Silhouette des Luftschiffs «Inconvenience» auf, dessen aus einer
Jugendbuch-Serie entsprungene Mannschaft zu Recht den Namen «Chums of
Chance» trägt - denn die fünf Burschen segeln in ihrem mit allen
technischen und kulinarischen Annehmlichkeiten bestückten Vehikel über
Landschaften und Zeitläufte hinweg und müssen nur sporadisch Kontakt
mit den zum harten Erdendasein verurteilten «groundlings» pflegen.
Stattdessen durchqueren sie das Erdinnere von Pol zu Pol, reisen zur
Abwechslung auch einmal unter dem Wüstensand, suchen in einer Akademie
für Mundharmonikabläser Unterschlupf oder zelebrieren ihre
freundschaftlichen Kollisionen mit dem russischen Konkurrenten
«Bol'shaia Igra».
Verlorene Söhne
Zu den Mühseligen und Beladenen gehört dagegen der Minenarbeiter Webb
Traverse, der sich eine - diesmal, wenn man so sagen darf: einfache -
Doppelexistenz aufgebaut hat. Hinter dem tüchtigen Vormann und
sorgenden Familienvater verbirgt sich der Anarchist «Kieselguhr Kid»,
dessen Sprengstoffanschläge die Minenbesitzer in Colorado
aufschrecken; doch Webb wird ausspioniert und auf Veranlassung des
Wirtschaftsmagnaten Scarsdale Vibe durch ein Team gedungener Killer
auf brutale Weise aus dem Weg geschafft. Die Beziehung zum Vater und
zu dessen Mördern wird dann, in unterschiedlichem Mass und
unterschiedlicher Weise, das Leben von Webbs vier Kindern bestimmen.
Ein besonders bösartiges Schicksal erfüllt den Wunsch des Getöteten,
dass seine eigene Tochter einen der Killer - der junge Mann wusste
sich vor der Tat beim Opfer gehörig einzuschmeicheln - heiraten solle;
die Einblicke ins folgende, widerwärtige Eheleben bleiben zum Glück
des Lesers beschränkt. Kit, Webbs begabtesten Sohn, zieht der mit
einer nichtsnutzigen Nachkommenschaft gestrafte Vibe an sich, indem er
ihm eine Ausbildung finanziert; auch als Kit erfährt, dass sein Gönner
die Schuld am Tod des Vaters trägt, hindert ihn dies nicht daran,
weiter von Vibes Zuwendungen zu profitieren. Reef, der unberechenbare
Älteste, nimmt zunächst Webbs Erbe auf sich, indem er Sprengsätze
placiert; doch erweist auch er sich letztlich als verlorener Sohn, der
seinen Lebensunterhalt in Europa und Amerika als Berufsspieler und
Parasit der Betuchten zusammenklaubt. Dabei kreuzen sich seine Wege
gelegentlich mit denen Kits, der - von den Vibeschen Futtertrögen
verstossen und mittlerweile auf der Flucht vor seinem einstigen Gönner
- eine abenteuerliche Mission annimmt, die ihn nach Kashgar und von
dort bis zum Baikalsee führt. Webbs zorniger Gerechtigkeitssinn lebt
am ehesten in Frank fort, der zunächst in der mexikanischen Revolution
und dann an der Seite der streikenden Kohlenarbeiter in Colorado
kämpft.
Fangnetz aus Lebensspuren
Eine stattliche Anzahl weiterer Schicksale kreuzt und flankiert
diejenigen der Familie Traverse; und das Fangnetz dieser Lebensspuren
erfasst neben der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten und der
mexikanischen Revolution auch die dem Ersten Weltkrieg voraufgehenden
Konflikte im Balkan, die spiritualistischen Bewegungen im London der
Jahrhundertwende, die Expansion des Eisenbahnnetzes, erklärte und
unerklärliche Katastrophen wie den Einsturz des Campanile di San Marco
im Jahr 1902 oder das «Tunguska-Ereignis» - eine gewaltige Explosion,
die sich 1908 in Sibirien ereignete und deren Ursachen bis heute nicht
schlüssig eruiert werden konnten; aber auch sexuelle Exzesse, einen
lesenden Hund, einen sprechenden Kugelblitz, die bei Pynchon
unumgängliche Huldigung an die Ukulele und eine Fachsimpelei über
Kartoffelsalat.
Die Liste liesse sich mühelos fortsetzen; das kritische Résumé dagegen
fällt schwerer. Hätte man sich einen noch stringenteren Umgang mit
Strukturmomenten wie Zeit und Doppelung gewünscht - und damit auch
eine festere Einbindung der Handlungselemente? Eine stärkere
Akzentsetzung, die etwa den durchs ganze Buch hindurch präludierten
Ersten Weltkrieg dann auch präziser als nur in einigen am Rand des
Gesichtsfeldes vorbeigleitenden Bildern zur Darstellung gebracht
hätte? Differenziertere Charaktere mit mehr Entwicklungspotenzial -
und da und dort etwas weniger Sentimentalität? Vielleicht; aber dann
hätte man wohl auch keinen typischen Pynchon mehr in der Hand gehabt.
Und welcher andere Autor beglückt uns schon mit Figuren, die sogar
gegenüber einem Napf Haferbrei Eifersuchtsgefühle entwickeln können?
Angela Schader
2. Dezember 2006, Neue Zürcher Zeitung
http://www.nzz.ch/2006/12/02/fe/articleEPLSF.html
More information about the Pynchon-l
mailing list