ATD review Ein Lexikon für Pynchon
Otto
ottosell at googlemail.com
Sat Nov 25 13:55:34 CST 2006
Ein Lexikon für Pynchon
US-Literaturstar Thomas Pynchon hat nach zehn Jahren einen neuen Roman
herausgebracht.
Und weil darin Hunderte skurril getaufte Figuren, mindestens ebenso
viele höchst komplexe Handlungsstränge, zig Schauplätze auf der ganzen
Welt, eine Vielzahl mathematisch-physikalischer Theorien und
Gastauftritte historischer Figuren von Groucho über Karl Marx bis
Nikola Tesla vorkommen, sprich: weil auch der Connaisseur schnell den
Überblick verliert, haben Pynchon-Fans schon am Erscheinungstag damit
begonnen, das Werk als Wiki im Internet aufzuarbeiten.
Die Enzyklopädie zum Roman
Der 1.120-Seiten-Wälzer "Against the Day" dürfte wohl der erste Roman
sein, der in so kurzer Zeit eine eigene Online-Enzyklopädie nach dem
Vorbild von Wikipedia erhalten hat - eine Entwicklung, die die
Mythenbildung um Pynchon ohne Zweifel weiter vorantreiben wird.
Pynchon ist nach wie vor das große Phantom der US-Literaturszene:
Seine letzten "öffentlichen Auftritte" waren Gastrollen als
Zeichentrickfigur mit Sackerl überm Kopf bei den "Simpsons".
Zehn Jahre Wartezeit
Zwischen dem Erscheinen seiner Romane vergehen Jahre, manchmal
Jahrzehnte. Sein letztes Werk, "Mason & Dixon", erschien 1997. Kein
Wunder also, dass Pynchon-Jünger seit Monaten, ja Jahren über den
nächsten Streich spekulierten.
Der so öffentlichkeitsscheue Autor heizte die Gerüchteküche an, als er
im Sommer angeblich höchstpersönlich eine Beschreibung von "Against
the Day" beim Online-Buchhändler Amazon postete, die dann in kurzer
Folge verschwand und schließlich doch wieder online ging.
"Wiegt drei Pfund und sechs Unzen"
Seit Dienstag ist "Against the Day" (Penguin Press) im US-Buchhandel
erhältlich, und bei so manchem Rezensenten macht sich Ratlosigkeit
breit. "Newsweek"-Autor Malcolm Jones veröffentlicht seine Kritik in
zwei Teilen, weil er nach der Hälfte der Lektüre schon so viele
Notizen gehabt habe, "um mein eigenes Buch schreiben zu können".
In "Time" verlässt sich Richard Lacayo nur noch auf tatsächlich
Messbares: "Mit drei Pfund und sechs Unzen wiegt 'Against the Day' nur
drei Unzen weniger als mein Toaster."
Draufgänger im Luftschiff
"Against the Day" beginnt 1893 bei der Weltausstellung in Chicago. Die
"Chums of Chance", sowohl (in Pynchons Welt) real existierende
Draufgänger-Agenten und Luftschiffpiloten als auch die Helden einer
erfolgreichen Abenteuerromanreihe für heranwachsende Burschen, müssen
unter Zuhilfenahme modernster Technologie - elektrischen Lichts -
Attacken von Anarchisten auf die Ausstellung verhindern.
Die "Chums" tauchen auf den folgenden 1.120 Seiten immer wieder auf,
die durch über 30 Jahre - den Auftakt und die Folgen des Ersten
Weltkriegs inklusive - und Schauplätze in den USA, Asien, Südamerika,
London, Venedig, Wien etc. führen.
Sodomie und Halluzinationen
Die "Washington Post" versucht, so das denn möglich ist, die
Spannweite des Romans auf den Punkt zu bringen: "Schon auf Seite 15
nimmt jemand eine Ukulele und singt einen albernen Song;
dokumentarischer Realismus verwandelt sich ohne Warnung in
Halluzination; schrille, geschmacklose Kleidung wird mit
Selbstbewusstsein getragen; eine große Auswahl an Drogen und
Aufputschmitteln wird konsumiert, abgestimmt auf eine große Auswahl
von sexuellen Akten, Sodomie inklusive; und Pynchons altbekannte
linke, gegenkulturelle Ideale glänzen."
Pynchons Utopie
Wenn es einen roten Faden durch "Against the Day" gibt, dann ist es
laut "Post" Pynchons utopischer Traum von einer regierungslosen,
friedlichen Welt.
Im Text wünschen sich Figuren "den Austausch von Regierungen durch
andere, geeignetere Formen, falls möglich über nationale Grenzen
hinweg".
Der Anarchist und der Wirtschaftszar
Neben den "Chums" stehen zwei Familienclans im Mittelpunkt: Als der
anarchistische Minenarbeiter Webb Traverse von Revolverhelden getötet
wird, wollen seine drei Söhne Rache üben; seine Tochter hingegen
heiratet einen der Killer.
Beauftragt wurde der Mord vom Wirtschaftsmogul Scarsdale Vibe; die
mäandernde Vibe-Familie taucht in der Folge immer wieder an den
unerwartetsten Orten auf. Vibe, eine Art skrupelloser
Über-Rockefeller, kauft etwa dem Erfinder Nikola Tesla seine
revolutionären Ideen ab, um sicherzustellen, dass sie nie umgesetzt
werden.
Zeta und Mayonnaise
Überhaupt spielen Technologie, Physik und Mathematik eine große Rolle.
Es geht um die Riemannsche Zetafunktion, um Zeit und Raum, sogar um
eine abstrakte, zerstörerische Superwaffe mit möglichem außerirdischem
Ursprung - und unvermittelt kommt Pynchon dann wieder mit einer
Abhandlung über die Geschichte und die sozialen Implikationen von
Mayonnaise daher.
Manische Enzyklopädie
Jedenfalls solle man während der Lektüre sicherheitshalber ein
mathematisches Standardwerk bei der Hand haben, empfiehlt "Newsday",
und bloß nicht versuchen, das Buch in wenigen Tagen zu lesen:
"Irgendwo um Seite 800 herum hat es sich angefühlt, als wolle sich
mein Gehirn durch meine Schädelknochen nach außen graben."
"Against the Day" sei "wie die 'Encyclopaedia Britannica' in einer
manischen Phase", fügt die US-Zeitung hinzu.
Zu schwerfällig
"'Against the Day' ist nicht einfach ein großer, dicht bevölkerter
Roman, der nach einem homogenen System funktioniert, sondern drei oder
vier Romane, die auf Basis übergeordneter Themen zusammengespannt
sind", stellt die "Los Angeles Times" fest.
Durch die vielen Figuren, Handlungsstränge, Zufallsbegegnungen und
Parallelen sei der Roman oft viel zu träge: "So verblüffend und
aufschlussreich Pynchon auch ist, wenn er sein Bestes gibt - hier
finden sich auch lange Passagen, in denen sein Bestes nicht
auftaucht."
http://tinyurl.com/yhyx8d
http://orf.at/
(Austrian TV)
25.11.2006
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