Bleeding Edge (German edition)
Kai Frederik Lorentzen
lorentzen at hotmail.de
Sat Oct 4 05:49:28 CDT 2014
Peter Körte: Das Chaos ist aufgebraucht (on page L4 of today's FAZ)
Two samples:
"... Es geht in diesem Buch um etwas ganz anderes, das Pynchon-Lesern
vertraut ist. Angetrieben von einem tiefsitzenden anarchischen Impuls,
interessiert sich Pynchon für Welten und Zustände, in denen sich noch
keine Ordnung formiert hat, wo der Möglichkeitshorizont weit ist und der
Erwartungsüberschuss groß. Was in 'Gegen den Tag' die Welt des frühen
zwanzigsten Jahrhunderts war, in der der vor dem Triumpf von
Quantenphysik und Relativitätstheorie Wissenschaft, Spekulation und
Obskurantismus koexistierten; was in 'Mason & Dixon' (1998 [sic]) die
Ungeschiedenheit der vielfältigen Wissens-und Weltmodelle des 18.
Jahrhunderts war, vor dem Monolog der Vernunft, das sind in 'Bleeding
Edge' die stürmischen Jahre des Internets."
"... So imaginiert Pynchon in der Unordnung nach der geplatzten
Dotcom-Blase den historischen Ort, an dem das Internet eine Zukunft
gehabt hätte, die anders ausgefallen wäre als die real gewordene. Das
mag eine - historisch unvermeidliche - Illusion gewesen sein oder nur
eine Rückprojektion. In jedem Fall steckt darin eine säkulare
Erlösungsphantasie. Der Sündenfall des Netzes, so drückt es Maxines
Vater aus, sei dessen Herkunft aus dem militärischen Komplex des Kalten
Kriegs. Und einer der IT-Zauberer sagt, mit dem Internet sei es jetzt
sowieso vorbei: 'Man spielt mit uns, Max, aber die Karten sind gezinkt,
und das Spiel ist erst vorbei, wenn das Internet - das echte, der Traum,
das Versprechen - zerstört ist.'
Da spricht natürlich der alte Maschinenstürmer Thomas Pynchon, der vor
dreißig Jahren in einem Essay die Frage bejahte: 'Is it OK to be a Luddite?'
Zu diesem Gestus passt sehr gut die Rolle des Sammlers, der in 'Bleeding
Edge' unermüdlich Material aus Werbeslogans, Supermarktflyern,
Hiphop-Songs, IT-Slang, Fernsehserien und Filmen jener Jahre aufliest
und ausbreitet; lauter Anspielungen und Zitate, von denen Evgeny Morozov
gesagt hat, in zwanzig Jahren werde man wohl eine App brauchen, um sie
noch entziffern zu können."
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