Der unsichtbare Dichter
Otto
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Wed Aug 5 10:05:19 CDT 2009
Der unsichtbare Dichter
Von Reinhard Helling 5. August 2009, Hamburger Abendblatt
Seit 40 Jahren lebt der Kultautor vollkommen zurückgezogen. In den USA
ist jetzt "Inherent Vice" erschienen.
Kaum ist ein neuer Roman von Thomas Ruggles Pynchon angekündigt,
wächst bei seinen eingefleischten Anhängern die Aufregung in ähnlicher
Weise wie bei Harry-Potter-Fans. Indem sie jedes noch so kleine Detail
der neuen Publikation aufgreifen, ausdeuten und verbreiten, betreiben
sie für den seit gut 40 Jahren vollkommen zurückgezogen lebenden Autor
freiwillig eine unbezahlbare Vorab-Promotion. Oder um mit den Worten
des mysteriösen Meisters zu sprechen: "Ein Heulen kommt über den
Himmel."
Zu vernehmen war es auch kurz vor Ankunft seines neuen Romans
"Inherent Vice" (zu Deutsch etwa: "Inneres Laster"), der jetzt in den
USA bei Penguin Press erschienen ist.
Bereits im Oktober 2008 hatte die "Los Angeles Times" Spekulationen
von einem neuen Werk aufgegriffen, die auf einer
William-Gaddis-Fan-Seite kursierten. Das Blatt zitierte den
Gaddis-Experten Steven Moore, der angeblich jemanden gesprochen hatte,
der Pynchon kennt: "Es handelt sich um eine Detektiv-Story in der
Tradition der ,Schwarzen Serie', unterfüttert mit ordentlich viel
Psychedelika." Ein halbes Jahr später äußert der Musiker Dan Franklin
die Vermutung, Pynchon habe mit dem neuen Buch das Triumvirat Sex &
Drugs & Rock 'n' Roll wiederbelebt.
Gemessen an der bisherigen Publikations-Aktivität dieses neben J. D.
Salinger wohl rätselhaftesten US-Autors ist sein siebter Roman
allerdings fast ein Schnellschuss - er erscheint nur drei Jahre nach
dem 1600-Seiten-Werk "Gegen den Tag". Nicht weniger als 17 Jahre lagen
etwa zwischen dem schwer zu entschlüsselnden Roman "Die Enden der
Parabel" (1973), für den der große Unsichtbare den National Book Award
bekam, und dem geradezu einfach lesbaren Kalifornien-Roman "Vineland"
(1990). Weitere sieben Jahre verstrichen, bis das Landvermesser-Epos
"Mason & Dixon" erschien, noch einmal neun, in denen der heute
72-Jährige an dem Koloss "Gegen den Tag" schrieb.
Die ganz unerschrockenen Pynchon-Fans, für die neben der Vertracktheit
der Texte stets auch der gewaltige Umfang eine angenehme
Herausforderung war, werden angesichts der angekündigten 384 Seiten
enttäuscht sein. Nicht einmal ein Drittel so dick wie "Mason & Dixon"!
Und hatte Pynchon zuletzt das 18. Jahrhundert besucht beziehungsweise
gleich mehrere Epochen und Kontinente durchflogen, unternimmt er
diesmal nur eine bescheidene Zeitreise in die Endphase der späten
Sechzigerjahre. Aber die haben es in sich: Die freie Liebe geht, die
Manson-Morde kommen, und alles wird unheimlich.
(...)
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http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1125172/Der-unsichtbare-Dichter.html
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