Protuberanzen des Zorns
Otto
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Thu Aug 6 10:04:51 CDT 2009
The story of the light bulb...
Protuberanzen des Zorns
Glühbirnendämmerung, Sparlampenleuchtzeit: Anmerkungen und Ansichten
zur Geschichte des elektrischen Lichts
Von Friedhelm Röttger, 31.07.2009, Eßlinger Zeitung
(...)
Byron die Birne
Kartelle denken nicht in ästhetisch-philosophischen, sondern in
ökonomischen Kategorien. Kartelle teilen, herrschen, bilden
geschlossene Systeme und, vor allem, streben ausschließlich nach
Profit. Wie das funktioniert, beschreibt der amerikanische
Schriftsteller Thomas Pynchon in seinem 1973 erschienenen
kulturkritischen Roman „Gravity’s Rainbow“, auf Deutsch erschienen
unter dem Titel: „Die Enden der Parabel“. Verwoben mit den
verschlungenen Handlungssträngen ist eine Episode, die von Byron
handelt. Gemeint ist nicht der englische Dichter. Byron ist „’ne alte,
alte Glühfadenseele, gefangen im gläsernen Gefängnis einer Babybirne“.
Byron die Birne ist von sozialrevolutionärer Gesinnung, träumt von
synchronen Explosionen von einer Million Glühbirnen, denn die Birnen
sind, bis auf eine Ausnahme, sterblich. Schuld daran ist Phoebus, das
internationale Glühbirnenkartell mit Hauptsitz in der Schweiz,
kontrolliert von der International General Electric Company, von OSRAM
und den Associated Electric Industries of Britain. Phoebus (übersetzt:
der Leuchtende), unbescheiden benannt nach dem Beinamen des
griechischen Gottes Apoll, diktiert die Preise, bestimmt die
Lebensdauer der Glühbirne und teilt die Weltmärkte unter sich auf.
Was Phoebus nicht weiß: Byron ist unsterblich. Als die Lebenszeit der
Birne auf die 800-Stunden-Marke zusteuert, wird eine Berliner
Kartell-Agentin auf Byron angesetzt, die ihn aus der Fassung schraubt
und nach Neukölln in den Keller eines Glasbläsers verschleppt, der
sich vor der Dunkelheit fürchtet und Byron ständig brennen lässt. Aber
Byron brennt nicht durch, passiert das 1000-Stunden-Limit - eine um
jeden Preis zu ahndende Renitenz, weshalb das „Komitee für
Leuchtanomalien“ einen „Zerschläger nach Berlin in Marsch“ setzt.
Byron die Birne entgeht jedoch dem Anschlag, brennt fortan in sicheren
Verstecken und hat nur noch eines im Sinn: sämtliche Mitbirnen von der
bösartigen Natur des Kartells zu überzeugen, das in der Glühbirne
lediglich die Übermittlerin von mess- und kontrollierbarer
Lichtenergie sieht. Byrons subversiver Appell basiert auf der
philosophisch-metaphysischen Idee, dass es über und unter dem Band der
Strahlungswellen noch andere Frequenzen gibt: So kann eine Birne
„Wärme spenden. Eine Birne kann Pflanzen mit Wachstumsenergie
versorgen, illegale Pflanzen beispielsweise, versteckt in Schränken.
Eine Birne vermag das schlafende Auge zu durchdringen und in den
Träumen der Menschen zu wirken“. Aber die Zeit arbeitet gegen die
Aufklärerin: „Das Netz ist weit offen, alle Botschaften können
abgehört werden, es sitzen genügend Verräter draußen in den
Leitungen“.
Postskriptum: Thomas Pynchon hat zwar die Birne Byron erfunden, nicht
aber das Phoebus-Kartell, das am 24. Dezember 1924 in Genf gegründet
wurde.
Schonungsloser Blick
Gegen die obskuren Strategien eines Weltkartells anzuleuchten, bedarf
es mit Sicherheit wirkungsmächtigerer Instrumente als der Glühbirne.
Dessen ungeachtet maß ihr der Philosoph Ernst Bloch eine große
kulturhistorische Bedeutung bei, nachzulesen in den 1962 erschienenen
Schriften „Verfremdungen I“. Dort liest man folgende Eloge: „Ohne
Übertreibung läßt sich sagen: Die Glühbirne im schattenarm gewordenen
Zimmer hat die Anfechtungen des Nachtgrauens weit gründlicher geheilt
als etwa Voltaire.“ Freilich vermag deren Licht, so Bloch, nicht den
anderen, den „einwandfreien Spuk“, aus der Welt zu schaffen: nämlich
das „Infernalische aus dem menschlichen Abgrund selber“. Was dieses
anzurichten vermag, schilderte Picasso auf der großen
Guernica-Grisaille aus dem Jahr 1937. An der nicht nachlassenden
Wirkung der Bild gewordenen Anklage hat das Motiv einer Glühbirne
nicht geringen Anteil. Ihr förmlich in die Nacht stechender Schein
gleicht dem schonungslosen Blick, dessen Seh-Schärfe kein Detail der
aufgetürmten Vernichtungs- und Trauermetaphorik entgeht.
Aufklärungsarbeit entschieden heiterer Art betreiben in
Comic-Entenhausen Carl Barks 1952 geschaffene Tüftlerfigur Daniel
Düsentrieb, Erfinder des für ein Mittagsschläfchen nützlichen
„Dunkellichts“, und sein pfiffiges „Helferlein“, in dessen
Glühbirnen-Kopf es immer wieder geist- und hilfreich aufblitzt. Wesen
unkomplizierter Natur sind auch die Glühbirnen in den zahlreichen
„Birne“-Kinderbüchern des großen Erzählers Günter Herburger. Und weil
der Schriftsteller nach eigenem Bekunden das Licht ohne Birnenform
nicht mehr mag und die Glühbirne nicht sterben darf, hat auch er,
Pynchon sekundierend, sich eine Birne erdichtet, die ewig leben darf.
Womit sie an das Centennial Light anknüpft, die Jahrhundertglühbirne,
die, im Jahr 1901 in ihre Fassung im Feuerwehrhaus im kalifornischen
Livermore geschraubt, bei einer Leistung von vier Watt 75 Jahre später
noch immer brannte, als die Feuerwache ein neues Gebäude bezog. Zu
ihrem 100. Geburtstag soll ihr George W. Busch persönlich gratuliert
haben. Maßstäbe der Verehrung setzte jedoch der italienische
Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti, der in seinem 1909
veröffentlichten „Futuristischen Manifest“ bekannte, jeden Abend zu
seiner Glühbirne zu beten.
Joseph Beuys waren derart überspannte Attitüden glorifizierender
Technik fremd. In zwei bedeutenden Beuys-Werken erhellt und überwindet
die Glühbirne klassische Gegensätze: die zwischen West und Ost,
zwischen divergenten Gesellschaftsordnungen in der Performance
„Eurasienstab“ (1967); jene zwischen Natur und Kultur in der Skulptur
„Capri-Batterie“ (1985), in der die Energie einer vollreifen Zitrone
die biomorphe gelbe Lampe symbolisch zum Strahlen bringt.
(...)
http://www.ez-online.de/ueberregional/kultur/kultur/Artikel452126.cfm
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