The reigning champion (Re: Gerald Howard on Delillo's Nobel)
rich
richard.romeo at gmail.com
Thu Apr 2 15:33:11 UTC 2020
fwiw, the award is pointless
On Thu, Apr 2, 2020 at 7:13 AM Kai Frederik Lorentzen <lorentzen at hotmail.de>
wrote:
>
> Nein. Peter Handke was a very good choice!
>
> From Versuch über die Müdigkeit (1989):
>
> "Vor mehr als zehn Jahren nahm ich ein Nachtflugzeug von Anchorage in
> Alaska nach New York. Es war ein sehr langwieriger Flug, mit dem Start,
> lang nach Mitternacht, von der Stadt am Cook Inlet - in den bei Flut die
> Eisschollen hochaufgerichtet hinein-, aus dem sie bei Ebbe dann,
> schwarzgrau geworden, wieder hinaus in den Ozean galoppierten -, einer
> Zwischenlandung im ersten Morgengrauen bei Schneetreiben in
> Edmonton/Kanada, einer weiteren Zwischenlandung, mit Kreisen in der
> Warteschleife, dann Anstehen unten auf der Piste, in der grellen
> Vormittagssonne von Chicago, der Landung am stickigen Nachmittag weit
> draußen vor New York. Endlich im Hotel, wollte ich mich sofort
> schlafenlegen, wie krank - von der Welt abgeschnitten - nach der Nacht
> ohne Schlaf, Luft und Bewegung. Aber dann sah ich unten die Straßen am
> Central Park weit von der Frühherbstsonne, in der, wie mir vorkam,
> festtäglich die Leute sich ergingen, und im Gefühl, im Zimmer jetzt
> etwas zu versäumen, zog es mich hinaus zu ihnen. Ich setzte mich auf
> eine Caféterrasse in die Sonne, nah am Getöse und an den Benzinschwaden,
> noch immer benommen, ja im Innern in ein beängstigendes Wanken gebracht
> von meiner Übernächtigkeit. Doch dann, ich weiß nicht mehr wie,
> allmählich?, oder wieder Ruck um Ruck? die Verwandlung. Ich habe einmal
> gelesen, Schwermütige könnten ihre Krisen überbrücken, indem sie über
> Nächte und Nächte am Schlafen gehindert würden; die in ein gefährliches
> Schwanken geratene 'Hängebrücke ihres Ich' würde dadurch stabil. Jenes
> Bild hatte ich vor mir, als nun in mir die Bedrängnis der Müdigkeit
> Platz machte. Diese Müdigkeit hatte etwas von einem Gesundwerden. Sagte
> man nicht: 'Mit der Müdigkeit kämpfen'? - Dieser Zweikampf war zuende.
> Die Müdigkeit war jetzt mein Freund. Ich war wieder da, in der Welt, und
> sogar - nicht etwa, weil es Manhattan war - in ihrer Mitte. Aber es kam
> dann noch einiges dazu, vieles, und eins eine größere Lieblichkeit als
> das andere. Ich tat, weit bis in den Abend hinein, nichts mehr als
> sitzen und schauen; es war, als bräuchte ich dabei auch nicht einmal
> atemzuholen. Keine auffälligen wichtigtuerischen Atemübungen oder
> Yoga-Haltungen: Du sitzt und atmest im Licht der Müdigkeit jetzt
> beiläufig richtig. Es gingen ständig viele, auf einmal unerhört schöne
> Frauen vorbei - eine Schönheit, die mir zwischendurch die Augen naß
> machte -, und sie alle nahmen mich im Vorbeigehen auf: Ich kam in Frage.
> (Eigenartig, daß vor allem die schönen Frauen diesen Blick der Müdigkeit
> beachteten, so wie auch noch manch alte Männer und die Kinder.) Aber
> keine Idee, daß wir, eine von ihnen und ich, darüber hinaus miteinander
> etwas anfingen; ich wollte nichts von ihnen, es genügte mir, ihnen
> endlich einmal so zuschauen zu können. Und es war auch wirklich der
> Blick eines guten Zuschauers, bei einem Spiel, das erst glücken kann,
> wenn wenigstens ein solcher Zuschauer dabeisitzt. Das Schauen dieses
> Müden war eine Tätigkeit, es tat etwas, es griff ein: die Akteure des
> Spiels wurden besser durch es, noch schöner - zum Beispiel, indem sie
> sich vor solchen Augen mehr Zeit ließen. Dieser langsame Lidschlag ließ
> sie gelten - brachte sie zu ihrer Geltung. Dem dergestalt Schauenden
> wurde von der Müdigkeit seinerseits das Ich-Selbst, das ewig Unruhe
> stiftende, wie durch ein Wunder von ihm weggenommen: alle sonstigen
> Verzerrungen, Angewohnheiten, Ticks und Sorgenfalten von ihm abgefallen,
> nichts mehr als die gelösten Augen, endlich auch so unergründlich wie
> die Robert Mitchums. Und dann: das selbstlose Schauen wurde tätig weit
> über die schönen Passantinnen hinaus, bezog ein in sein Zentrum der Welt
> alles, was lebte und sich regte. Die Müdigkeit gliederte - ein Gliedern,
> das nicht zerstückelte, sondern kenntlich machte - das übliche Gewirr
> durch sie rhythmisiert zur Wohltat der Form - Form, soweit das Auge
> reichte - großer Horizont der Müdigkeit."
>
> https://handkeonline.onb.ac.at/node/1518
>
> Am 01.04.20 um 18:31 schrieb rich:
> > ... but man was Peter Handke a terrible choice ...
>
>
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